Haben Sie sich jemals im Detail an einen peinlichen Moment aus der Vergangenheit erinnert, können sich aber nicht an ein Kompliment erinnern, das Sie vor ein paar Tagen gehört haben? Die Ursache hängt mit einem tiefgreifenden Mechanismus des menschlichen Geistes zusammen, der als Negativitätsvoreingenommenheit bezeichnet wird.
Es geht um die angeborene Tendenz des Gehirns, negative Erfahrungen stärker zu verarbeiten und zu speichern als positive. Laut Evolutionspsychologie handelt es sich hierbei nicht um eine persönliche Schwäche, sondern um eine Überlebensstrategie. Seit Jahrtausenden ist das menschliche Gehirn darauf „programmiert“, Gefahren so schnell wie möglich zu erkennen, denn das Ignorieren einer Bedrohung kann tödlich sein, während das Versäumen von etwas Positivem selten schwerwiegende Folgen hat.
Auch heute noch wird derselbe Mechanismus gegen Kritik, gesellschaftliche Ablehnung, wirtschaftliche Unsicherheit oder Fehler am Arbeitsplatz aktiviert. Die Amygdala, das emotionale Zentrum des Gehirns, reagiert stärker auf Reize, die als bedrohlich empfunden werden, wodurch negative Erfahrungen in unserem Kopf lauter werden.
Studien zeigen, dass negative Ereignisse tiefer im Gedächtnis verankert sind und gründlicher analysiert werden. Dies erklärt warum:
wir vergessen fünf Komplimente, bleiben aber bei einer Kritik;
wir erinnern uns jahrelang an einen Fehler, nicht aber an die kleinen täglichen Erfolge;
Wir erleben peinliche Momente ständig noch einmal, während wir uns selten bewusst an stolze Momente erinnern.
Psychologen sprechen auch von Verlustaversion: Verluste wirken sich emotional viel stärker auf uns aus als Gewinne. Dieser Mechanismus beeinflusst nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die Entscheidungsfindung, Motivation und die Art und Weise, wie wir uns selbst sehen.
Das Problem entsteht, wenn dieser Fokus auf das Negative zu einem Teufelskreis wird. Negative Gedanken erhöhen den Stress- und Cortisolspiegel und machen das Gehirn noch anfälliger für alles, was schief geht. Dieser Zustand steht in direktem Zusammenhang mit Angstzuständen und Depressionen.
Die gute Nachricht ist, dass das Gehirn „umerzogen“ werden kann. Mit Achtsamkeit, Entschleunigung und bewusster Verstärkung positiver Erfahrungen ist es möglich, negative Zyklen zu durchbrechen und zu lernen, sich stärker an die guten zu erinnern. Unser Gehirn ist auf Schutz und nicht auf Glück ausgelegt, aber wir können ihm dabei helfen, ein gesünderes Gleichgewicht zu finden.
/vizionplus.tv
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