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von Agron Vrangalla
Tirana Times, 08. Februar 2026 – Moskau nutzt Informationsmanipulation systematisch als Instrument der Außenpolitik. In Nordmazedonien stützt sich die russische Propaganda auf mehrere wiederkehrende Narrative, die innenpolitische Spannungen und soziale Schwachstellen ausnutzen.
Die Auswirkungen der russischen Propaganda auf dem Westbalkan sind weder neu noch unbekannt. Seit Jahren warnen europäische Institutionen und zivilgesellschaftliche Organisationen vor der destabilisierenden Rolle Moskaus in der Region, insbesondere in Ländern, die eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union anstreben. Nordmazedonien, seit 2020 NATO-Mitglied und EU-Kandidatenland, ist von dieser Dynamik nicht ausgenommen, ähnlich wie andere Westbalkanstaaten, wobei Serbien das prominenteste Beispiel ist.
In diesem Zusammenhang haben die jüngsten politischen Entwicklungen in Skopje die Besorgnis über den Weg des Landes zur Euro-Integration verstärkt. Die derzeitige Regierung und Ministerpräsident Hristijan Mickoski haben trotz der im Wahlkampf gemachten Versprechen nur begrenzte Bereitschaft gezeigt, wichtige Reformen, insbesondere Verfassungsänderungen, zu beschleunigen. Die Zusage, diese Änderungen innerhalb von sechs Monaten nach Amtsantritt zu übernehmen, bleibt unerfüllt.
Verfassungsänderungen
Am 29. Januar äußerte sich Premierminister Mickoski kategorisch: „Solange ich Premierminister bin, wird es keine Verfassungsänderungen geben, es sei denn, mindestens zwei Bedingungen sind erfüllt“, erklärte er und bezog sich dabei auf die Frage der Rechte der mazedonischen Gemeinschaft in Bulgarien. Er versicherte, dass es „keine bilateralen Vetos, Demütigungen oder Erniedrigungen aus subjektiven Gründen“ geben werde.
Laut dem Politikwissenschaftler Murat Aliu, Professor an der Mutter-Teresa-Universität in Skopje, spiegelt die Verzögerung bei Verfassungsänderungen eher die innenpolitische Dynamik als den direkten Einfluss Russlands wider. Die geopolitischen Folgen sind jedoch unvermeidbar.
„Jede Verzögerung bei Verfassungsänderungen bedeutet auch eine Verschiebung des Beitrittsprozesses des Landes zur Europäischen Union. Und je weiter die Perspektive einer EU-Mitgliedschaft entfernt ist, desto größer wird der Spielraum für den Einfluss dritter Akteure, darunter Russland. In diesem Sinne ist der russische Einfluss nicht unbedingt die Ursache der Blockade, sondern ihr Nutznießer“, betont Aliu.
Wenn Einfluss von innen akzeptiert wird
Ein Schlüsselelement, das bei Analysen ausländischer Einflüsse oft übersehen wird, ist die Tatsache, dass Propaganda ohne empfänglichen Boden nicht funktionieren kann. Keine externe Macht kann ihren Einfluss durchsetzen, ohne dass Teile der Gesellschaft oder lokale Eliten bereit sind, ihn zu akzeptieren. Einfluss ist keine militärische Beschäftigung, sondern eine freiwillige Beziehung zwischen denen, die eine Erzählung anbieten, und denen, die sie annehmen.
Im Westbalkan hat die angesammelte Frustration über lange, bedingte Integrationsprozesse Raum für alternative Diskurse geschaffen. Hier findet die russische Erzählung ihren Ausgangspunkt.
Der Westen als Problem, Russland als Alternative
Moskau hat Informationsmanipulation systematisch als Instrument der Außenpolitik eingesetzt. Dieser als „Informationskrieg“ oder „Ausländische Informationsmanipulation und -einmischung“ bekannte Ansatz geht über die traditionelle Diplomatie hinaus und zielt auf Emotionen, Identität und gesellschaftliche Unsicherheiten ab. Einige Experten betrachten dies als eine Form der hybriden Kriegsführung, bei der Informationen als Instrument der politischen und sozialen Einflussnahme eingesetzt werden.
In Nordmazedonien basiert die russische Propaganda auf mehreren sich wiederholenden Narrativen: Russland wird als Verteidiger traditioneller Werte, orthodoxer Identität und Panslawismus dargestellt, während der Westen als „liberale“ Kraft dargestellt wird, die Bedingungen auferlegt und die nationale Identität untergräbt. Die Änderung des Landesnamens, Forderungen nach Verfassungsänderungen und der Schutz von Minderheitenrechten werden oft als von der EU auferlegte „Demütigungen“ dargestellt.
Laut Petrit Saraçini vom Institut für Medien und Analytik sind religiöse und traditionelle Gefühle ein entscheidendes Instrument dieser Einflussstrategie. „Kirchliche Strukturen und sogenannte Bürgerinitiativen werden als Vermittlerkanäle genutzt, um Narrative gegen den ‚degenerierten‘ Westen zu nähren“, sagt Saraçini.
Lokalpolitik und problematische Allianzen
Pro-russische Narrative beschränken sich nicht nur auf die Medien. Sie finden auch in der Innenpolitik Anklang. Parteien wie Levica haben offen Anti-NATO- und Anti-EU-Positionen geäußert, während Gruppen wie „Vereinigtes Mazedonien“ unter der Führung von Janko Baçev engere Beziehungen zu Russland fördern und die euroatlantische Integration ablehnen.
Auch in der Exekutive gibt es Persönlichkeiten, die für ihre enge Verbindung zu Moskau bekannt sind. Der stellvertretende Premierminister Ivan Stoilković, Vorsitzender der Demokratischen Partei der Serben, nahm an russischen Sicherheitsforen teil und förderte die bilaterale Zusammenarbeit.
Diese Bedenken spiegelten sich auch im Bericht des Europäischen Parlaments vom 26. Juni 2025 wider. Berichterstatter Thomas Waitz warnte vor dem Einfluss des sogenannten „Serbischen Welt“-Konzepts, das von Regierungsvertretern unterstützt wird und eng mit russischen und chinesischen Interessen in der Region verbunden ist.
Medien, soziale Netzwerke und Desinformation
Untersuchungen zeigen, dass sich russische Propaganda hauptsächlich über Medien verbreitet, die Inhalte von Sputnik Serbien, RT Serbien und serbischen Boulevardzeitungen weiterstrahlen, die dann für das mazedonische Publikum angepasst werden. Social-Media-Plattformen fungieren als Verstärker dieser Narrative.
„Facebook,
Ziel ist nicht die vollständige Beherrschung des öffentlichen Diskurses, sondern die Fragmentierung der Informationswirklichkeit, die Schaffung von Verwirrung und die Schwächung des Vertrauens in die Demokratie.
Konsequenzen und Handlungsbedarf
Obwohl der russische Einfluss in Nordmazedonien derzeit nicht dominant ist, stellt er eine echte Gefahr dar. Propaganda erzeugt Illusionen, schürt ethnische und religiöse Polarisierung, untergräbt das Vertrauen in Institutionen und verlangsamt den europäischen Integrationsprozess.
Die Bekämpfung dieses Phänomens erfordert professionelle Medien, institutionelle Transparenz, Medienkompetenz und eine gesetzliche Regelung des Medieneigentums und der Medienfinanzierung. Bei der Bekämpfung von Desinformation geht es nicht um Zensur, sondern um den Schutz der Öffentlichkeit vor dem Missbrauch der Meinungsfreiheit.
Letztlich bleibt die Wahl politisch und gesellschaftlich: Europa als Projekt der Reformen und Standards oder die Illusion einer Alternative, die weder Entwicklung noch Sicherheit bietet.
Diese Analyse wurde im Rahmen des von der Landesregierung NRW geförderten Projekts „Resilienz gegen Desinformation in Nordmazedonien“ erstellt.
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