Die Mailänder Staatsanwaltschaft hat einen der größten Cyber-Abhörskandale Europas aufgedeckt und dabei Licht auf ein organisiertes Netzwerk geworfen, das angeblich illegalen Zugriff auf die nationalen Datenbanken Italiens hatte, darunter das Polizeisystem SDI (Sistema di Indagine).
Laut der Zeitung Politico steht im Mittelpunkt der Untersuchung das von Ex-Carabinieri Carmine Gallo gegründete Unternehmen Equalize srl, das mit der strategischen Kommunikationsagentur Mercury Advisors zusammenarbeitete, die mit dem Geschäftsmann Enrico Pazzali, dem ehemaligen Direktor des Ausstellungszentrums Fondazione Fiera Milano, verbunden ist.
Ermittlungen zeigen, dass Gallo und sein enger Mitarbeiter Nunzio Samuele Calamucci die Organisatoren eines „privaten Informationsdienstes“ waren, der über Verbindungen in staatliche Strukturen Zugangscodes zu geschlossenen Sicherheitssystemen bereitstellte. Über diese Logins hat das Netzwerk angeblich Hunderttausende Dateien mit wirtschaftlichen, steuerlichen und medizinischen Daten von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens heruntergeladen, die dann an Unternehmen, Lobbyisten oder politische Akteure für wirtschaftliche Zwecke, Erpressung oder politische Manipulation verkauft wurden.
In von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Mitteilungen heißt es, Calamucci habe „eine Festplatte mit 800.000 SDI-Dateien“ besessen. Ermittler haben Server mit sensiblen Daten aus den Büros von Equalize beschlagnahmt. Zu den mutmaßlichen Kunden gehören PR-Firmen, Finanzberater und Politiker, die gezielt Informationen über Konkurrenten oder Partner suchen.
Der Skandal hat auch hohe Kreise der italienischen Wirtschaft erfasst. Enrico Pazzalis Name wird wegen beruflicher Verbindungen zu Vertretern von Equalize über Mercury Advisors genannt, obwohl er jegliche Beteiligung bestreitet. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob sein Unternehmen als Deckmantel für die Aktivitäten des Netzwerks missbraucht wurde.
Den Festgenommenen werden mehrere schwere Straftaten vorgeworfen, darunter:
– Gründung und Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung,
– illegaler Zugriff auf staatliche Computersysteme,
-klassifizierte Datenflüsse,
-Informationshandel und Erpressung.
Die Mailänder Staatsanwaltschaft hat den italienischen Geheimdienst (AISI) um Hilfe gebeten, um herauszufinden, ob die Daten im Ausland verbreitet wurden. Das italienische Innenministerium hat inzwischen eine Sicherheitsüberprüfung aller nationalen Datenbanken eingeleitet, da Verstöße seit mehr als drei Jahren vermutet werden.
Die italienischen Behörden bezeichneten den Fall als „Bedrohung für die Demokratie und das Vertrauen in öffentliche Institutionen“, während die Ermittlungen das Feld erweitern, um herauszufinden, ob das Netzwerk Verbindungen zu anderen Strukturen auf europäischer Ebene hatte.
/vizionplus.tv
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