Albanien unter Wasser: Eine Rückkehr zu einem Hobbes’schen Naturzustand

Albanien unter Wasser: Eine Rückkehr zu einem Hobbes’schen Naturzustand


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TIRANA TIMES, 6. Dezember 2025 – Albanien steht erneut unter Wasser. Die heftigen Regenfälle der letzten Tage haben fast im ganzen Land zu massiven Überschwemmungen geführt und nicht nur die Fragilität der städtischen Infrastruktur, sondern vor allem auch das langfristige Versagen der Regierungsführung offengelegt. Von den nördlichen Ebenen bis zur Südküste sind die Szenen beunruhigend vertraut: überflutete Straßen, lahmgelegte Städte, evakuierte Familien und öffentliche Einrichtungen, die auf den Notfallmodus reduziert sind. Was ein außergewöhnliches Naturereignis hätte sein sollen, hat sich erneut zu einer systemischen Krise entwickelt, die zunehmend einer Rückkehr zu einem Hobbes’schen Naturzustand ähnelt, in dem der Staat dann abwesend ist, wenn die Bürger ihn am meisten brauchen.

Die Küstenstadt Durrës ist zum markantesten Symbol dieses Zusammenbruchs geworden. Nach nur 24 Stunden intensiver Regenfälle standen große Teile der Stadt unter Wasser, der Verkehr auf mehr als einem Dutzend Straßen wurde blockiert, Schulen wurden geschlossen und die Anwohner in mehreren Stadtteilen waren praktisch vom Verkehr abgeschnitten. Bilder, die in den sozialen Medien kursierten, zeigten Bürger, die sich mit Schlauchbooten durch überflutete Straßen bewegten, was bittere Vergleiche mit Venedig hervorrief, allerdings ohne die Planung, das Erbe oder das Entwässerungssystem Venedigs. Die Überschwemmung der Veliera-Unterführung, ein zwölf Millionen Euro teures Vorzeigeprojekt, das von Premierminister Edi Rama persönlich gefördert wurde, wurde zum Sinnbild eines Regierungsmodells, das eher auf Spektakel als auf Substanz setzt.

Oppositionelle und lokale Aktivisten wiesen schnell darauf hin, dass es sich nicht nur um eine Naturkatastrophe handele. In Durrës kommt es Jahr für Jahr immer wieder zu Überschwemmungen, weil Entwässerungskanäle verstopft sind, Pumpstationen nicht funktionieren und die Stadterweiterung ohne ernsthafte Investitionen in die Wasserbewirtschaftung voranschreitet. Die Erfahrungen der Stadt verdeutlichen ein umfassenderes Muster: Teure, symbolträchtige Projekte koexistieren mit vernachlässigter grundlegender Infrastruktur, was dazu führt, dass heftige Regenfälle eine urbane Lähmung zur Folge haben.

Die Krise ist nicht auf Durrës beschränkt. Nach Angaben des Instituts für Geowissenschaften sind mehrere Regionen von starken Regenfällen und Überschwemmungsrisiken betroffen, darunter Shkodra, Lezha, Kukës, Elbasan, Vlora und Gjirokastra. Kontrollierte Wassereinleitungen aus den Wasserkraftwerken Koman und Vau i Dejës haben Bedenken hinsichtlich weiterer Überschwemmungen im Norden geweckt und die chronische Anfälligkeit der Flussgebietsbewirtschaftung in Albanien unterstrichen.

In Vlora, der größten Stadt des Landes im Süden und einem strategischen Hafen, offenbarte die Situation eine weitere Dimension institutionellen Versagens. Berichten zufolge blieb die Stadt fünf Tage hintereinander ohne fließendes Wasser. Bemerkenswert ist, dass die Regierung, obwohl sie seit 2013 an der Macht war, die Schuld auf eine Investition aus dem Jahr 2005 schob und damit einen Regierungsreflex verdeutlichte, der Ablenkung über Rechenschaftspflicht stellt. Dieses Narrativ klingt hohl in einem Land, in dem mehr als ein Jahrzehnt ununterbrochener Herrschaft nicht zu widerstandsfähigen öffentlichen Dienstleistungen geführt hat.

Das Paradoxon wird noch deutlicher, wenn man es in den saisonalen Kontext stellt. Obwohl Albanien ein wasserreiches Land ist, leidet es im Sommer unter chronischer Wasserknappheit. Sogar Teile von Tirana erleben anhaltende Kürzungen, darunter wohlhabende Vorstadtgebiete, in denen Politiker, Kriminelle, wohlhabende Geschäftsleute, Medienvertreter und westliche Diplomaten Seite an Seite leben. Albanien schwankt somit zwischen Dürre und Überschwemmung und ist weder in der Lage, mit Überfluss noch mit Knappheit umzugehen, ein klares Zeichen für den Verfall der Infrastruktur und politisches Versagen.

Der Kern des Problems liegt in einem veralteten System. Ein Großteil der albanischen Wasserversorgungs- und Abwasserinfrastruktur stammt aus der kommunistischen Ära und war für ein Tirana mit weniger als 180.000 Einwohnern konzipiert. Heute hat sich die Bevölkerung der Hauptstadt mindestens verdreifacht, möglicherweise sogar noch mehr, während der Bau, insbesondere von Hochhäusern, ohne entsprechende Investitionen in unterirdische Netze explosionsartig zugenommen hat. Wie ein lokaler Analyst sarkastisch bemerkte, explodierten zuerst die Türme, jetzt explodierten die Abwasserkanäle. Der Kommentar spiegelt eine düstere Realität wider: Die Stadtentwicklung wurde von grundlegender öffentlicher Gesundheit und Umweltsicherheit abgekoppelt.

Städte im Norden wie Shkodra und Lezha scheinen sich zunehmend mit saisonalen Überschwemmungen abgefunden zu haben, während Zentralalbanien ähnlichen Risiken ausgesetzt ist. Sogar der neu gebaute internationale Flughafen Vlora, der noch offiziell eingeweiht werden muss, ist Berichten zufolge von Überschwemmungsproblemen betroffen, was Fragen zu Planungsstandards und langfristiger Rentabilität aufwirft.

Premierminister Rama, der sich derzeit auf einem offiziellen Besuch in Paris befindet, hat über soziale Medien mitgeteilt, dass die Lage im Norden beobachtet werde und kontrollierte Einleitungen mit den örtlichen Behörden koordiniert würden. Doch solche Zusicherungen tragen wenig dazu bei, die strukturellen Ursachen der Krise anzugehen. Die Überschwemmungen in Albanien sind nicht nur eine Folge des Klimawandels oder extremer Wetterbedingungen. Es ist das vorhersehbare Ergebnis jahrelanger schlechter Stadtplanung, schwacher Regulierung, Korruption und der Priorisierung politischer Optik vor öffentlicher Widerstandsfähigkeit.

Letztendlich ist Albanien unter Wasser nicht nur eine Metapher, sondern eine Diagnose. Die Überschwemmungen offenbaren einen Staat, der Denkmäler baut, aber die Instandhaltung vernachlässigt, Wachstum feiert, dabei aber Nachhaltigkeit ignoriert und der eher durch Propaganda als durch Bereitschaft regiert. Solange Infrastruktur, Transparenz und Rechenschaftspflicht nicht zu zentralen Bestandteilen der Regierungsführung werden, wird Albanien weiterhin untergehen, nicht nur im Regenwasser, sondern auch in den Folgen seiner eigenen Missherrschaft.

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