Albanien in die Geschichte einbringen: Bernd J. Fischer und der Zweite Weltkrieg

Albanien in die Geschichte einbringen: Bernd J. Fischer und der Zweite Weltkrieg


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Von Ilir Ikonomi

Eines der bedeutendsten modernen Werke, die jemals über die Erfahrungen Albaniens im Zweiten Weltkrieg geschrieben wurden – Albanien im Krieg, 1939–1945 von Bernd Jürgen Fischer.

Dies ist nicht nur ein Geschichtsbuch. Es ist ein Akt der historischen Rettung. Fischer hebt Albanien aus dem Schatten der europäischen Geschichtsschreibung und platziert es fest auf der Bühne. Er zeigt, dass Albanien – obwohl es klein ist – einen Krieg erlebt hat, der so komplex, so tragisch und so folgenreich ist wie jede andere Nation in Europa.

Einer der großen Vorzüge des Buches besteht darin, wie Fischer den Kontext wiederherstellt. Er erklärt, wie Albanien bereits fragil in den Krieg eintrat – ein junges Land mit einem schwachen Staat, oberflächlichem Nationalismus, starken regionalen Loyalitäten und einer sowohl modernisierenden als auch stark eingeschränkten Monarchie.

Dann zeigt Fischer mit außergewöhnlicher Klarheit, wie zwei ausländische Besetzungen – zuerst die Italiener, dann die Deutschen – mit den inneren Spaltungen Albaniens interagierten und die Nation veränderten.

Prof. Fischers Erzählung basiert auf Primärquellen, darunter Dokumenten aus italienischen, deutschen, britischen und amerikanischen Archiven. Er bringt Materialien ans Licht, die lange unzugänglich waren, und er behandelt jede Seite – Italiener, Deutsche, Nationalisten, Kommunisten und einfache Albaner – mit einer seltenen Ausgewogenheit und Fairness.

Fischer vermeidet Propaganda, Ideologie und die tröstlichen Mythen des Nachkriegsalbaniens. Er erzählt die Geschichte, wie sie geschehen ist, in all ihren Widersprüchen.

Fischer zeigt, dass die Invasion Italiens im April 1939 nicht nur ein Akt faschistischer Expansion war, sondern der Höhepunkt jahrzehntelanger politischer, wirtschaftlicher und diplomatischer Verstrickungen. Seine Beschreibung der Machenschaften des Grafen Ciano, der Doppelzüngigkeit der italienischen Diplomatie und der tragischen Lage von König Zog ist packend, fast filmisch.

Aber die wahre Originalität von Fischers Werk zeigt sich, wenn er die Fragmentierung der albanischen Gesellschaft unter der Besatzung analysiert.

Er erklärt, dass Albanien während des Krieges mehr innere Spaltungen erlitten habe als jeder andere Balkanstaat. Widerstandsgruppen bildeten sich, lösten sich auf, kooperierten mit den Besatzern, bekämpften sich gegenseitig, kehrten zum Widerstand zurück und wiederholten den Zyklus.

Dies liegt daran, dass Albanien keine vollständig ausgeprägte nationale Identität hatte. Lokale Loyalitäten – Stammes-, Regional- und Familienbindungen – waren stärker als die Ideologie. Dies ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die Fischer uns vermittelt: Die Erfahrungen Albaniens im Zweiten Weltkrieg können nicht verstanden werden, ohne Albanien selbst zu verstehen.

Fischers Kapitel über die italienische Unterdrückung und die Entstehung des organisierten Widerstands gehören zu den stärksten des Buches. Er zeigt, wie Repression Widerstand erzeugte, wie Fehler der Italiener die kommunistische Bewegung befeuerten und wie die Alliierten darum kämpften, zu verstehen, wen sie unterstützen sollten.

Die Briten, so Fischer, seien oft verwirrt, irregeführt oder schlecht informiert gewesen. Das Ergebnis?

Eine langsame, aber stetige Verlagerung der Unterstützung hin zur kommunistisch geführten Nationalen Befreiungsbewegung.

Der vielleicht bahnbrechendste Teil von Fischers Buch ist seine Behandlung der deutschen Besatzung (1943–44). Er widerlegt jahrzehntelange Mythen über den Kalten Krieg, indem er zeigt, dass die Deutschen nicht einfach ein brutales Regime durchgesetzt haben. Stattdessen schufen sie einen Beruf, der in mancher Hinsicht unabhängiger, verwaltungstechnisch kompetenter und paradoxerweise für viele Albaner akzeptabler war als der italienische.

Er zeigt, wie Deutschland den albanischen Nationalismus – insbesondere den Traum von Großalbanien – ausnutzte, um Unterstützung im Kosovo und Nordalbanien zu gewinnen.

Und doch zeigt Fischer auch die dunklere Seite: wie diese „Unabhängigkeit“ ein Instrument der Manipulation war; wie es die Spaltungen vertiefte; wie es langfristige Probleme verursachte, die jahrzehntelang nachhallten.

Die letzten Kapitel – über den deutschen Rückzug und den Aufstieg der Kommunisten – sind eine unverzichtbare Lektüre für das Verständnis Albaniens im 20. Jahrhundert. Fischer zeigt, dass der Krieg der Schmelztiegel war, der den modernen albanischen Staat schmiedete.

Italien hat Zogs Welt geschwächt. Deutschland hat bestimmte nationalistische Eliten hervorgebracht. Aber am Ende waren es die Kommunisten, die geeint, diszipliniert und militärisch dominant daraus hervorgingen.

Und die vielleicht tiefgreifendste Schlussfolgerung des Buches ist diese: Der Zweite Weltkrieg hat Albanien gewaltsam aus einer Isolation gerissen, um es dann in eine andere zu stürzen.

Die Erfahrung des Krieges wurde zur Grundlage des Regimes von Enver Hoxha – eines Systems, das auf dem Mythos des heroischen Widerstands, der Angst vor Ausländern und dem Glauben basierte, dass Albanien sich nur auf sich selbst verlassen könne.

Bernd Fischers „Albanien im Krieg“ ist viel mehr als eine Erzählung militärischer Ereignisse. Es ist die Geschichte einer Nation, die darum kämpft, sich selbst zu definieren – gefangen zwischen Großmächten, zerrissen durch interne Spaltungen und verändert durch den katastrophalsten Konflikt in der Geschichte der Menschheit.

Es ist ein Buch, das Albanien in die europäische Diskussion einbezieht. Es korrigiert die historischen Aufzeichnungen. Es stellt Mythen in Frage. Es gibt einem Volk eine Stimme, dessen Kriegsgeschichte zu lange ignoriert wurde.

Für jeden, der das moderne Albanien verstehen möchte – seine Politik, seine Ängste, seinen Nationalismus und seinen Platz auf dem Balkan – ist Fischers Buch unverzichtbar.

Kürzlich wurde das Buch neu aufgelegt und ins Albanische übersetzt, nachdem es lange nicht mehr in den Bücherregalen stand. Es kommt mit einem frischen Design und einer neuen Einleitung des Autors.

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