Türkiye und Albanien: Von der gemeinsamen Vergangenheit zur strategischen Zukunft

Türkiye und Albanien: Von der gemeinsamen Vergangenheit zur strategischen Zukunft


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Von Marjana Doda,

Diese Funktion basiert auf exklusiven Erkenntnissen aus einem Interview mit Botschafter Tayyar Kagan Atay, dem Botschafter der Republik Türkiye in Tirana. Anlässlich des 102. Jahrestags der diplomatischen Beziehungen denkt Botschafter Atay über die einzigartige Tiefe der albanisch-türkischen Beziehungen nach – Verbindungen, die von einer gemeinsamen Geschichte und Kultur geprägt sind und heute durch politisches Vertrauen, wirtschaftliche Zusammenarbeit und eine gemeinsame Vision für regionale Stabilität und europäische Integration gefestigt werden.

Botschafter Tayyar Kagan Atay Botschafter der Republik Türkei in Albanien & Marjana Doda Chefredakteur, ARGUMENTUM.al

Anlässlich des 102. Jahrestags der diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Albanien denkt Botschafter Tayyar Kagan Atay über eine Partnerschaft nach, die weit über die formelle Diplomatie hinausgeht. Für ihn sind die Beziehungen zwischen Ankara und Tirana nicht nur eine Frage von Verträgen und Staatsbesuchen – sie sind das Produkt jahrhundertelanger gemeinsamer Geschichte, kultureller Verwandtschaft und einer gemeinsamen Vision für die Zukunft des Balkans und darüber hinaus.

„Türkiye und Albanien sind starke Verbündete und enge Freunde mit einer Geschichte der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Verständnisses“, bekräftigt Botschafter Atay. Aber hinter dieser sorgfältig formulierten diplomatischen Botschaft verbirgt sich eine tiefere Wahrheit: Die beiden Länder verbindet mehr als nur pragmatische Interessen. Sie verbindet ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Verwandtschaft, das während der jahrhundertelangen Koexistenz unter dem Osmanischen Reich entstanden ist und in der Neuzeit durch politisches Vertrauen, wirtschaftliche Zusammenarbeit und soziale Interaktion genährt wird.

Eine gemeinsame Vergangenheit, die die Gegenwart prägt

Nur wenige bilaterale Beziehungen in Südosteuropa sind so tief in der Geschichte verwurzelt wie die zwischen Türkiye und Albanien. Während der osmanischen Zeit gelangten die Albaner in einige der höchsten Ämter der kaiserlichen Regierung. Ungefähr 35 Großwesire – das Äquivalent von Premierministern – waren albanischer Herkunft. Diese Persönlichkeiten dienten nicht nur dem osmanischen Staat, sondern hinterließen auch ein Erbe politischer und kultureller Verbundenheit, das bis heute nachwirkt.

Botschafter Atay zitiert einige der Persönlichkeiten, die dieses miteinander verflochtene Erbe verkörpern. Sami Frashëri – auf Türkisch Şemsettin Sami – war nicht nur eine der bedeutendsten Literaten Albaniens, sondern auch ein Reformer der türkischen Sprache, der Autor des ersten türkischen Romans, Wörterbuchs und der ersten Enzyklopädie. Sein Sohn Ali Sami Yen gründete den Galatasaray Football Club, einen der bekanntesten Vereine Europas. Mehmet Akif Ersoy, der Autor der Nationalhymne von Türkiye, war ebenfalls albanischer Abstammung.

Über die Persönlichkeiten hinaus zeugen gemeinsame Räume von diesem langjährigen Zusammenleben. In Istanbul trägt der Bezirk Arnavutköy – wörtlich „das albanische Dorf“ – noch immer den Namen der albanischen Siedler, die im 15. Jahrhundert ankamen. In Albanien sind in der Landschaft Spuren des osmanischen Erbes sichtbar: Moscheen, Brücken, Burgen und Schulen von Tirana bis Shkodra, von Elbasan bis Gjirokastra.

Bei dieser historischen Dimension geht es, betont Botschafter Atay, nicht nur um Nostalgie. Es geht um Verantwortung. „Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, dieses Erbe, das uns die Geschichte anvertraut hat, an künftige Generationen weiterzugeben“, sagt er und verweist auf die Restaurierungsarbeiten der Türkischen Agentur für Zusammenarbeit und Koordinierung (TİKA) in Albanien. Von der Wiederbelebung der osmanischen Viertel von Berat bis hin zur Erhaltung religiöser Denkmäler spiegelt Türkiyes Engagement eine bewusste Anstrengung wider, neben politischen auch kulturelle Bindungen zu pflegen.

Von der Freundschaft zur strategischen Partnerschaft

Während historische Verbindungen Tiefe verleihen, sind es die letzten Jahrzehnte, die den albanisch-türkischen Beziehungen ihren modernen Rahmen gegeben haben. Im Jahr 2013 ernannte Albanien Türkiye offiziell zu einem seiner fünf strategischen Partner. Dies war keine symbolische Geste, sondern eine Anerkennung der wachsenden politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Agenda, die die beiden Länder verbindet.

Der Wendepunkt kam im Januar 2021, als Premierminister Edi Rama Ankara besuchte und mit Präsident Recep Tayyip Erdoğan eine gemeinsame politische Erklärung unterzeichnete, in der die Beziehungen auf die Ebene einer offiziellen „strategischen Partnerschaft“ erhoben wurden. Mit dieser Erklärung wurde ein hochrangiger Kooperationsrat eingerichtet, in dem die beiden Staats- und Regierungschefs und ihre Minister zusammenkamen, um die bilaterale Zusammenarbeit zu überprüfen und zu leiten.

Zwei solcher Treffen haben bereits stattgefunden – eines in Ankara und eines in Tirana im Jahr 2024 – und befassen sich mit allen Themen von Energie und Verteidigung bis hin zu Bildung und Tourismus. Ein dritter Termin ist während Ramas bevorstehendem Besuch in Ankara geplant. Der Mechanismus hat einen Rahmen für einen regelmäßigen, institutionalisierten Dialog geschaffen, der es ermöglicht, dass sich die Beziehung über Ad-hoc-Vereinbarungen hinaus hin zu einer langfristigen Planung entwickelt.

Die Ergebnisse waren sichtbar. Türkiye ist mittlerweile Albaniens viertgrößter Handelspartner, mit einem Handelsvolumen von mehr als einer Milliarde Dollar im Jahr 2024 und dem Ziel, diese Zahl in naher Zukunft zu verdoppeln. Die türkischen Investitionen belaufen sich bereits auf rund 3,5 Milliarden Dollar und verteilen sich auf so unterschiedliche Sektoren wie Energie, Infrastruktur, Gesundheitswesen und Tourismus. Allein im ersten Halbjahr 2025 war Türkiye mit 89 Millionen Euro Neuinvestitionen Albaniens größter ausländischer Investor.

Doch Botschafter Atay besteht darauf, dass das Wesen dieser Beziehung nicht allein durch Zahlen erfasst werden kann. Er verweist auf das Fier Friendship Memorial Hospital, das mit türkischer Unterstützung gebaut wurde; Wohnprojekte für Erdbebenopfer; der Bau der Namazgah-Moschee in Tirana; und die Restaurierung von Stätten aus der osmanischen Zeit. „Diese Initiativen zeigen, dass Türkiyes Engagement in Albanien über den Handel hinausgeht. Es umfasst soziale Entwicklung, Kulturerhaltung und menschenzentrierte Investitionen“, sagt er.

Sicherheitskooperation und NATO-Beziehungen

Wenn die Wirtschaft das Rückgrat der bilateralen Beziehungen bildet, ist die Sicherheitszusammenarbeit ihr Muskel. Türkiye war maßgeblich an der Modernisierung der albanischen Streitkräfte beteiligt, von der Bereitstellung von Ausbildung und Ausrüstung bis hin zur Erforschung einer gemeinsamen Produktion in der Verteidigungsindustrie.

Die Angleichung der beiden Länder innerhalb der NATO bringt zusätzliches Gewicht. Türkiye bereitet sich auf die Ausrichtung des NATO-Gipfels im Jahr 2026 vor, gefolgt von Albanien im Jahr 2027. Für Botschafter Atay unterstreichen diese aufeinanderfolgenden Gipfeltreffen nicht nur das Vertrauen, das beide Länder innerhalb des Bündnisses genießen, sondern auch ihre wachsende Rolle bei der Gestaltung seiner Agenda. „Die enge Koordination und Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern bei der Vorbereitung und Durchführung dieser entscheidenden Gipfeltreffen spiegelt eine weitere Dimension unserer konkreten bilateralen Zusammenarbeit wider“, bemerkt er.

In Bosnien und Herzegowina leistet Türkiye den größten Nicht-EU-Beitrag zur Friedensmission EUFOR Althea und unterhält gleichzeitig eine starke Präsenz in der Kosovo Force (KFOR) der NATO. In diese Missionen sind auch albanische Truppen eingebunden, was das gemeinsame Engagement beider Länder für die regionale Sicherheit symbolisiert.

Türkiyes umfassendere Rolle auf dem Balkan

Die albanisch-türkische Partnerschaft kann nicht isoliert verstanden werden. Es ist Teil der umfassenderen Vision von Türkiye für den Balkan, die Botschafter Atay als auf drei Säulen beruhend beschreibt: politischer Dialog, wirtschaftliche Integration und Respekt für das multiethnische und multireligiöse Gefüge der Region.

Er stellt fest, dass Kosovo und Bosnien und Herzegowina weiterhin fragile Punkte seien. Türkiye gehörte 2008 zu den ersten Ländern, die das Kosovo anerkannten, und unterstützt weiterhin seine Souveränität und internationale Anerkennung. Es spielt auch eine aktive Rolle im von der EU geförderten Dialog zwischen Pristina und Belgrad. In Bosnien hat Türkiye versucht, als Brücke zwischen den drei Gemeinschaften des Landes zu fungieren und sich an trilateralen Konsultationen mit Serbien und Kroatien zu beteiligen.

Diese Diplomatie wird jedoch durch harte Verpflichtungen verstärkt. Türkiye hat kürzlich wieder das Kommando über die KFOR-Mission der NATO übernommen und unterstreicht damit seine Entschlossenheit, ein Garant für regionale Stabilität zu bleiben.

Eine Brücke zwischen Ost und West

Botschafter Atay ordnet dies alles in die umfassendere außenpolitische Identität Türkiyes ein – als ein Land, das Ost und West, Nord und Süd verbindet. Diese Identität, so argumentiert er, verleiht Ankara eine einzigartige Fähigkeit, in globalen Konflikten als Vermittler aufzutreten.

Beispiele gibt es zuhauf: die Schwarzmeer-Getreideinitiative zwischen Russland und der Ukraine, Gefangenenaustausche, Vermittlungsbemühungen im Südkaukasus, Dialog in Somalia und Äthiopien. In Bezug auf Palästina hat sich Türkiye als einer der lautstärksten Kritiker der israelischen Militäraktionen und als konsequenter Befürworter einer Zwei-Staaten-Lösung herausgestellt.

„Türkiye spielt eine wichtige Rolle als Vermittler und Kollaborateur auf der globalen Bühne, indem es Kulturen und Interessen von Ost nach West verbindet und den Dialog als Weg zu Frieden und Wohlstand fördert“, sagt Atay. Bei dieser Vermittlerrolle gehe es nicht um Neutralität als Selbstzweck, sondern darum, einen konstruktiven Dialog auch mit gegnerischen Seiten anzustreben, fügt er hinzu.

Gemeinsam in die Zukunft blicken

Da die Welt immer komplexer wird – geprägt von multipolaren Spannungen, Klimaunsicherheit und der Verbreitung von Desinformation – ist Botschafter Atay davon überzeugt, dass starke Partnerschaften unerlässlich sein werden. Er argumentiert, dass Albanien und die Türkei gut aufgestellt seien, um diese Unsicherheit gemeinsam zu meistern.

„In diesem Zusammenhang haben Albanien und Türkiye als zwei NATO-Verbündete und EU-Kandidaten sowie wahrhaft brüderliche Länder großes Potenzial, ihre Zusammenarbeit im kommenden Jahrzehnt auszubauen“, bekräftigt er. „Wir teilen bereits eine gemeinsame Vision für eine erfolgreiche Zukunft in unserer Region und haben unsere gemeinsame Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht, unsere strategische Partnerschaft in allen Bereichen weiter zu festigen.“

Für ihn geht es in der Zukunft um mehr als Wirtschaftswachstum oder politische Ausrichtung. Es geht um Zuverlässigkeit. In einer Zeit, in der globale Lieferketten unterbrochen und Allianzen auf die Probe gestellt werden, sehen sich Türkiye und Albanien als vertrauenswürdige Partner – Partner, die Widerstandsfähigkeit aufbauen können, indem sie sich nicht nur auf Verträge und Vereinbarungen, sondern auch auf jahrhundertealte Verwandtschaftsbande verlassen.

Aus den Überlegungen von Botschafter Atay ergibt sich das Bild einer Beziehung, die zugleich historisch und zukunftsweisend ist. Die albanisch-türkische Partnerschaft basiert auf kultureller Intimität, strategischer Ausrichtung und gemeinsamen geopolitischen Visionen. Es ist in der NATO und der europäischen Integration verankert, aber bereichert durch die Erinnerung an jahrhundertelanges Zusammenleben.

Für Albanien stellt Türkiye einen verlässlichen Verbündeten in einer turbulenten Region dar. Für Türkiye ist Albanien nicht nur ein Nachbar, sondern eine brüderliche Nation, deren Erfolg eng mit dem eigenen Erfolg verbunden ist. Zusammengenommen verkörpern sie die Möglichkeit, dass in einer Region, die oft durch Trennlinien beschrieben wird, eine im gemeinsamen Erbe verwurzelte Zusammenarbeit einen anderen Weg einschlagen kann – einen Weg der Stabilität, des Wachstums und des gemeinsamen Ziels.

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Marjana Doda ist Chefredakteurin von Argumentum.al

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